Edward Matthews von Stout im Gespräch über M&A-Aktivitäten in Großbritannien, nationale und internationale Transaktionen und weitere Themen.

March 31, 2020

Im Januar gründete Stout seine neueste Niederlassung in London und holte dabei einige alte Hasen im Investment-Banking an Bord. Wir führten kürzlich ein Interview mit Director Edward Matthews, in dem er über Fusions- und Übernahmeaktivitäten (M&A) in Großbritannien, Wachstumsmöglichkeiten, nationale und internationale Transaktionen, den Brexit und die Auswirkungen des Coronavirus sprach.

Können Sie kurz erläutern, welche Trends Sie in den letzten Jahren auf dem britischen M&A-Markt beobachtet haben?

Die M&A-Aktivität in Großbritannien wurde in den letzten Jahren von nicht abgerufenem Private-Equity-Kapital in Rekordhöhe, günstigen Krediten und gesunden Bilanzen getragen.

Der gesamte Transaktionswert pro Jahr steigt parallel zum Wert und Umfang der einzelnen Transaktionen. Dabei ist die Zahl der Transaktionen jedoch rückläufig, was hauptsächlich daran liegt, dass der Brexit als Negativfaktor in den letzten drei Jahren das Vertrauen und die Aktivitäten belastet hat.

Wir rechnen damit, dass die Verhandlungen über ein Handelsabkommen mit der Europäischen Union – mit denen Großbritannien sich auf den Austritt aus der Union im Dezember 2020 vorbereitet – mehr Klarheit und Sicherheit schaffen und dann auch die M&A-Märkte beleben werden.

In anderen Regionen konzentrieren sich die Unternehmen immer stärker auf ihr Kerngeschäft. Diese Bereiche dürften stärker in den Blickpunkt des Managements rücken und werden die Kapitalrenditen steigern. Durch diesen Trend ergeben sich Transaktionsmöglichkeiten, da nicht zum Kerngeschäft gehörende Beteiligungen überprüft und möglicherweise verkauft werden.

Welche Branchen haben Ihrer Meinung nach das größte Wachstumspotenzial in Großbritannien? Gibt es Sektoren, die Sie besonders interessant finden?

In Großbritannien werden der Medien- und Technologiesektor, die Finanzdienstleistungsbranche, der Unternehmensdienstleistungssektor und das Gesundheitswesen voraussichtlich ein positives Wachstum erzielen. In all diesen Branchen ist Stout aktiv. Unter der Federführung unseres Kollegen Santiago Izaguirre, Managing Director von Stout, begleiten wir gerade verschiedene technologieorientierte Transaktionen als aktive Berater.

Stärkere Aktivitäten sind auch in Branchen zu erwarten, die von Infrastrukturinvestitionen profitieren, wie Transportwesen und Logistik, Industriegüter und Chemie sowie Energie- und Versorgungsunternehmen. Den Hintergrund hierfür bilden die höheren Infrastrukturausgaben, die der Finanzminister am 11. März im Haushalt angekündigt hat.

Wir sind weiterhin im Bereich Transportwesen und Logistik aktiv, der von Stout Managing Director Jon Howells geleitet wird. Mit der Fachkenntnis unserer Kollegen im Stout Investment-Banking in den USA verstärken wir zudem unseren Einfluss im Industriegütersektor.

In welche Branchen ist das meiste Kapital von strategischen Investoren und Private-Equity-Investoren geflossen? Aus welchen Gründen?

Der wachstumsstarke britische Technologiesektor zieht beträchtliche Investitionen sowohl inländischer als auch ausländischer Investoren, insbesondere aus den USA und Asien, an. Das Land hat seit Jahren einen ausgezeichneten Ruf für seine Innovationskraft und ist einer der besten Standorte für die Gründung und den Aufbau eines Digitalgeschäfts. Hinzu kommt der Zugang zu einem breiten Talentpool, der letztlich dazu beiträgt, vielversprechende Ideen in Produkte und Dienstleistungen umzusetzen, die vom Verbraucher nachgefragt werden.

Großbritannien hat einen renommierten Finanzdienstleistungssektor, der in letzter Zeit durch hohe Aktivitäten gekennzeichnet war. Besonders umfangreiche Transaktionen gab es im Bankensektor, allen voran die 21 Milliarden Pfund Sterling schwere Übernahme des Datenanbieters Refinitiv durch die Londoner Börse (LSE). Interessant für Investoren ist auch das Versicherungsmaklergeschäft. Eine spektakuläre Transaktion in diesem Bereich ist die kürzlich angekündigte Übernahme von Willis Towers Watson durch Aon für 30 Milliarden US-Dollar. Die M&A-Aktivität in der Finanzbranche wird durch strukturelle Veränderungen wie hohe Regulierungskosten, den Beginn offener Bankgeschäfte und Investitionsmöglichkeiten im Bereich der Finanztechnologie vorangetrieben.

Das gestiegene Interesse an Infrastrukturinvestitionen in Großbritannien ist auf die robusten Merkmale dieser Asset-Klasse und das stetige Angebot neuer Möglichkeiten zurückzuführen, da die Regierung Alternativen zur klassischen Bereitstellung von Anlagen und Dienstleistungen durch den Staat auslotet. Immer mehr Geldgeber beschaffen sich neue oder mehr Mittel für Investitionen in diesem Bereich, der seine Attraktivität aus den stabilen Cashflows und Renditen und einer relativ einfachen Betriebsstruktur im Vergleich zu herkömmlichen wachstumsorientierten Private-Equity-Beteiligungen bezieht.

Ihr Team hat die positiven Aspekte des Brexit im Zusammenhang mit der M&A-Aktivität in Großbritannien erörtert. Haben Sie mögliche Nachteile festgestellt oder erwarten Sie solche Nachteile?

Die Investoren werden weiter vorsichtig sein. Die Transaktionstätigkeit dürfte jedoch robust bleiben und sich vielleicht stärker auf den Markt kleiner und mittelständischer Unternehmen konzentrieren. Fusionen und Übernahmen bleiben eine zentrale Wachstumsstrategie. Unternehmen und Investoren werden ihr Augenmerk weiter auf die Überprüfung, Rationalisierung und Aktualisierung ihrer Portfolios richten. Die langfristigen umwälzenden Trends und Unsicherheiten werden nicht von heute auf morgen verschwinden, aber die branchenübergreifenden Faktoren für M&A-Aktivitäten in Großbritannien sind weiterhin intakt.

Sie haben bei vielen internationalen Transaktionen mitgewirkt. Der Brexit ist jetzt offiziell. Wie wird sich dies Ihrer Einschätzung nach auf den Dealflow internationaler Investoren, die nach Großbritannien kommen, und britischer Investoren, die Möglichkeiten im Ausland suchen, auswirken?

Großbritannien war schon immer ein attraktives Zielland für Investoren, bedingt durch fundamentale Faktoren wie historisches Wirtschaftswachstum, politische Stabilität und Schutz durch Rechtsstaatlichkeit. Derzeit macht das Land aufgrund der regulatorischen Änderungen und der Auswirkungen des Coronavirus relativ unruhige Zeiten durch. Dennoch bleibt Großbritannien ein sicherer Hafen für Investoren. Veränderungen und Volatilität eröffnen auch Chancen, möglicherweise zu attraktiven Bewertungen.

Investoren in Großbritannien werden die Entwicklungen bei den Verhandlungen der Handelsabkommen mit der EU und den USA mit Interesse verfolgen. Da das Hauptaugenmerk der britischen Regierung auf dem Abschluss eines Abkommens mit den USA liegt, erwarten wir steigende Investitionen aus Großbritannien in die USA und umgekehrt.

Welche sonstigen Erkenntnisse haben Sie aus Ihrer Mitwirkung an internationalen Transaktionen mitgenommen, welche Herausforderungen sind Ihnen dabei begegnet?

Der M&A-Markt ist globaler geworden. Dadurch wird von den Unternehmen mehr Kompetenz und Erfahrung mit grenzüberschreitenden Akquisitionen verlangt. Die wirtschaftliche und politische Stabilität der Länder wird in den Führungsetagen immer oberste Priorität haben. Eine umfassende Planung, der Rückgriff auf das Wissen externer/örtlicher Berater und die Durchführung einer gründlichen Due-Diligence-Prüfung wird den Mandanten jedoch helfen, ihre Ziele zu erreichen.

Gibt es nationale oder internationale Transaktionen in Ihrer Laufbahn, an die Sie besonders zurückdenken?

Vor kurzem haben wir eine europäische Regierung bei einem Unternehmenserwerb von nationaler strategischer Bedeutung beraten. Die Verstaatlichung von Unternehmen ist ein Instrument, das nur noch selten eingesetzt wird. Es war deshalb interessant, die Beweggründe hierfür zu verstehen und die unterschiedlichen Ansätze und Prioritäten der Institutionen und Regierungen zu sehen.

Ein weiteres britisches Unternehmen im Bereich der Seeverkehrsdienstleistungen, an dessen Verkauf wir mitgewirkt haben, wies ein höheres Maß an Komplexität als vielleicht üblich auf. Das Unternehmen war in mehreren Sektoren (z. B. Frachtversand, Öl und Gas und Telekommunikation) tätig, stand teilweise im Eigentum internationaler Joint Ventures (z. B. aus China) und erfüllte mehrere internationale Verträge für globale Konsortien von Unternehmen und Investoren. Sobald wir diese Merkmale jedoch für Investoren nachvollziehbar aufschlüsseln und die damit verbundenen Risiken reduzieren konnten, erwies sich das Unternehmen als eine attraktive Investition für einen US-amerikanischen Käufer.

Wird sich das Coronavirus möglicherweise auf das Transaktionsvolumen auswirken?

Ja, möglicherweise in zweierlei Weise.

Unternehmen, die gerade den Verkauf von Beteiligungen im ersten Halbjahr 2020 vorbereitet haben, könnten die Durchführung auf die zweite Jahreshälfte verschieben, um abzuwarten, wie die aktuellen Geschäfte im nächsten Quartal beeinflusst werden. Es wird jedoch wahrscheinlich eine Art Startschuss geben, wenn die Auswirkungen des Coronavirus nachlassen und zahlreiche aufgeschobene Transaktionen gleichzeitig auf den Markt kommen. Diese Möglichkeiten dürften von Finanzinvestoren eifrig unterstützt werden, da diese weiterhin unter Druck stehen, Rekordsummen von Kapital bis zu bestimmten Stichtagen unterzubringen.

Außerdem könnte der Rückgang in der globalen Angebot-Nachfrage-Kette dazu führen, dass Unternehmen in Schieflage geraten und in der Folge Restrukturierungen, potenzielle Zwangsverkäufe und Kapitalbeschaffungen notwendig werden.

Was müssen US-amerikanische Unternehmen, die in Großbritannien Geschäfte machen wollen, aus kultureller und geopolitischer Sicht beachten?

Großbritannien ist ein attraktives Zielland für US-amerikanische Unternehmen, die in ausländische Märkte expandieren möchten. Die beiden Länder verbindet eine „besondere Beziehung“ mit einer engen Zusammenarbeit, die auf einer gemeinsamen Sprache, gemeinsamen demokratischen Idealen und einer miteinander verwobenen Geschichte beruht.

Trotz der vielen kulturellen Ähnlichkeiten müssen sich US-amerikanische Unternehmen, die in den britischen Markt eintreten, mit anderen Rechtsvorschriften, anderen steuerlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen und den möglichen Folgen des Brexit auseinandersetzen. Wer mit Investitionen in Großbritannien liebäugelt, sollte unbedingt mit einem lokalen Partner wie Stout zusammenarbeiten, der die lokalen finanziellen, rechtlichen und steuerlichen Anforderungen vollumfänglich versteht.

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